WORTWERKRAUM

Geschrieben von Ani Menua

Das Manifest der Zeit

Erstens:          Was ist Lernen?
                         Wiederholen.

Zweitens:        Was bringt dir Sicherheit?
                          Das Wiederholen.

Drittens:         Was ist deine Währung?
                          Die Zeit.

Viertens:         Was kannst du formen?
                         Meine Zeit.

Fünftens:        Was ist das Geschenk?
                          Die Zeit.

Sechstens:      Was ist die Zeit auf der Erde?
                          Das Leben.

Siebtens:         Was ist das Leben?
                           Wiederholen.

2016.


Geschrieben von Daniil Charms,
übersetzt von Ani Menua

Nicht jetzt

Das ist Das.
Jenes ist Jenes.
Alles ist Jenes oder nicht Jenes.
Was nicht ist jenes und dieses, dann weder dieses noch jenes.
Etwas ist Das, Jenes und es Selbst.
Was das Selbst ist, kann vielleicht sein jenes,
aber nicht dieses oder das, ja nicht jenes.

Das wurde jenes, und jenes wurde das.
Wir sagen: Gott hauchte ein.
Das wurde zu diesem, und jenes wurde zu jenem,
aus dem Nichts kommen wir und ins Nichts gehen wir.
Das wurde das. Wir fragten: Wo?
Sie sangen uns: Hier.
Das kam aus dem Hier. Was ist Das? Das ist Jenes.
Das ist Jenes.
Jenes ist Das.
Hier ist Das und Jenes.
Hier wurde Das, Das wurde Jenes,
und Jenes wurde Hier.
Wir schauten hin, sahen aber nicht.
Doch standen dort Das und Jenes.

Dort ist nicht Hier.
Dort ist Jenes.
Hier ist Das.
Doch jetzt ist dort Das und Jenes.
Doch jetzt ist auch hier Das und Jenes.
Wir ersehnen und denken und schmachten.

Wo denn jetzt?
Jetzt hier, doch jetzt dort, und jetzt hier,
aber jetzt hier und dort.

Hier wird Dort.
Das hier wird sein dort. Ich. Wir. Gott.

2021.

Не теперь

Это есть Это.
То есть То.
Все либо то, либо не то.
Что не то и не это, то не это и не то.
Что-то и это, то и себе Само.
Что себе Само, то может быть то,
да не это, либо это, да не то.

Это ушло в то, а то ушло в это.
Мы говорим: Бог дунул.
Это ушло в это, а то ушло в то,
и нам неоткуда выйти и некуда прийти.
Это ушло в это. Мы спросили: где?
Нам пропели: тут.
Это вышло из Тут. Что это? Это То.
Это есть то.
То есть это.
Тут есть это и то.
Тут ушло в это, это ушло в то,
а то ушло в тут.
Мы смотрели, но не видели.
А там стояли это и то.

Там не тут.
Там то.
Тут это.
Но теперь там и это и то.
Но теперь и тут это и то.
Мы тоскуем и думаем и томимся.

Где же теперь?
Теперь тут, а теперь там, а теперь тут,
а теперь тут и там.

Тут быть там.
Это то тут там быть. Я. Мы. Бог.

1930.

Auch publiziert bei Stadtsprachen Magazin Berlin


Geschrieben von Ani Menua

Ewig ist die Kunst

Ewige Kunst oder künstliche Ewigkeit, eine eindeutige Unterscheidung darüber zu treffen, an welcher Stelle und wodurch sich diese beiden vollends voneinander abgrenzen, ist ungleich schwer. Ein leichtes Spiel indessen ist es, die Kunst für endlich und damit für fassbar, sterbend, vergänglich oder tot zu erklären. Sie aber ist niemals sterbend, ja auf ewig lebend. Die Kunst ist der zerbrechliche Spiegel des menschlichen Geistes, sie ist Himmel und Hölle, Mittel und Zweck zugleich, sie ist Sein und Zeit. Sie für sterblich zu erklären, gleicht dem, den Menschen zum Tode zu verurteilen. Das Todesurteil von einem Menschen über einen Menschen ist ein für ihn unwürdiger Tod, so wie ein Leben ohne Kunst ein für den Menschen unwürdiges Leben ist. Über die Kunst manifestiert sich der menschliche Geist in der Ewigkeit, sodass, selbst wenn er stirbt, er stirbt, ohne jemals zu sterben.

2017.


Geschrieben von Ani Menua

Schmetterling

Mensch: Hallo, Schmetterling!
Der Schmetterling schwieg.
Mensch: Was machst du?
Schmetterling: Stehst du, bitte, auf?
Mensch: Ich? Warum?
Schmetterling: Du sitzt auf meinem Flügel.
Mensch: Ich habe ihn nicht bemerkt.
Der Schmetterling schwieg
sich in den Himmel erhebend.

2019.


Geschrieben von Veronika Tušnova,
übersetzt von Ani Menua

Sie sagen, eine solche Liebe gibt es nicht

Mir sagen sie:
Eine solche Liebe
existiert nicht.
Mir sagen sie:
So wie wir alle,
lebe auch du!
Schmerzhaft viel verlangst du,
solche Menschen gibt es nicht.
Vergebens machst du etwas vor
den anderen und auch dir.
Sie sagen: Vergebens bist du traurig,
vergebens isst und trinkst du nicht,
sei nicht dumm! Letztlich musst du
weichen, weiche lieber gleich!
… Aber sie existiert.
Existiert.
Existiert.
Sie ist hier,
hier, 
hier,
in meinem Herzen lebt
sie als warmes Küken, 
sie brennt sich wie Blei
durch meine Adern.
Sie ist das Licht in meinen Augen,
sie ist das Salz in meinen Tränen,
Sehen und Gehör,
die Gewalt meiner Kraft,
meine Sonne,
meine Berge und Meere,
der Schutz vor dem Vergessen,
der Harnisch vor Zweifel und Lügen.
Wenn es sie nicht gibt,
gibt es mich nicht!
… Sie sagen mir:
So eine Liebe gibt es nicht.
Sie sagen mir:
Wie wir alle,
lebe auch du!
Von niemandem lasse ich
mir die Seele entseelen.
Ja und ich lebe –
wie all die anderen werde
ich ein andermal leben.

2021.

Мне говорят, нету такой любви
Мне говорят:
нету такой любви.
Мне говорят:
как все,
так и ты живи!
Больно многого хочешь,
нету людей таких.
Зря ты только морочишь
и себя и других!
Говорят: зря грустишь,
зря не ешь и не спишь,
не глупи!
Всё равно ведь уступишь,
так уж лучше сейчас
уступи!
…А она есть.
Есть.
Есть.
А она — здесь,
здесь,
здесь,
в сердце моём
тёплым живёт птенцом,
в жилах моих
жгучим течёт свинцом.
Это она — светом в моих глазах,
это она — солью в моих слезах,
зренье, слух мой,
грозная сила моя,
солнце моё,
горы мои, моря!
От забвенья — защита,
от лжи и неверья — броня…
Если её не будет,
не будет меня!
…А мне говорят:
нету такой любви.
Мне говорят:
как все,
так и ты живи!
А я никому души
не дам потушить.
А я и живу, как все
когда-нибудь
будут жить!

1962.


Geschrieben von Hovhannes Tumanian
übersetzt von Ani Menua

Herz
Nur Du kennst zum Himmel den Weg,
das Rätsel des seligen Lebens,
Du weißt alles vor allen anderen,
vor allem Gesetz ist Dein Wort das Gesetz.

2019.

ՍԻ՛ՐՏ
Դու գիտես մենակ ճամփեն երկնքի,
Դու գիտես գաղտնիքն երջանիկ կյանքի,
Դու գիտես ամենն ամենից առաջ,
Քո խոսքն է օրենք ամեն օրենքի:

1922.


Geschrieben von Ani Menua

Dialektik des Seins
Im Zeitvergehen das Zeitenthobene,
in der Veränderung das Stetige,
in der Zwietracht die Eintracht,
im Rausch die Wahrheit,
in der Rohheit die Zartheit,
in der Tücke die Güte,
in der Zerstörung die Entstehung,
im Untergang die Auferstehung.
Im Traum – der Traum,
sicher im Traum der Nüchternheit
des Traums.

2020.


Geschrieben von Levon Miridjean,
übersetzt von Ani Menua

Oh, du Schöne
Oh, du Schöne, Schöne,
wenn ich begegne dir 
auf meinem Weg wieder
entflammt die Erinnerung,
die unvergänglich ist,
Schlaf und Verstand 
verliere ich wieder. 

Oh, du Schöne, Schöne,
warum kamst du so nah?
Warum nahmst du mir
das Rätsel meines Herzens?

Mit schuldloser Liebe,
liebte ich dich und
du hast so boshaft
verraten sie.
Wenn ich irgendwann,
treffe dich wieder,
trist und verwirrt
irrend umher,
deinem Leid zum
Freund werde ich,
alleine lasse ich
meine Geliebte nicht. 

2021.

Ով Սիրուն, Սիրուն
Ով սիրուն, սիրուն, երբ որ ես կրկին,
Հանդիպում եմ քեզ իմ ճանապարհին,
Նորից այրում են հուշերս անմար,
Նորից կորչում են և՜ քուն, և՜ դադար:

Ով սիրուն, սիրուն, ինչո՞ւ մոտեցար,
Սրտիս գաղտնիքը ինչո՞ւ իմացար.
Մի անմեղ սիրով ես քեզ սիրեցի,
Բայց դու, անիրավ, ինչո՞ւ լքեցիր:

Ա՜խ, եթե տեսնեմ օրերից մի օր.
Դու ման ես գալիս տխուր ու մոլոր,
Ընկեր կդառնամ ես քո վշտերին,
Մենակ չեմ թողնի իմ կարոտ յարին:

1966.


Geschrieben von Ani Menua

Liebelei
Er liebte sie 
und
Sie liebte ihn – 
das wußte er
und
das wußte sie.
Sie gehörte ihm,
er ihr aber
nicht.
Das wusste er,
sie,
oh weh, nicht.

2019.


Geschrieben von Ani Menua

Vom Glück
Es ist schwer, einfach nur glücklich zu sein. Das Glücklichsein führt durch ein Tränenmeer, durch einen Höllenmarsch, durch einen Tunnel, durch den die Sonne sichtbar, aber niemals erreichbar ist. Wir hoffen immer nur auf das Glück – aber sind wir glücklich, wenn wir glücklich sind? Der Moment des Glückes verfliegt so schnell, dass nur sein Schatten übrig bleibt und wir uns danach fragen, ob wir es wirklich erlebt haben. Das Glück ist die Fata Morgana in der Wüste der Erwartungen und Hoffnungen. Hat jemand je dieses Glück gesehen? Wie sieht es aus? Erzählt es mir…

2020.


Geschrieben von Ani Menua

Sinn
Der Liebe Zartsinn, 
umarmt mit Irrsinn,  
führt in den Wahnsinn,
trennt von Unsinn,  
umhüllt mit Schönsinn.

2019.


Geschrieben von Ani Menua

Liebesnotiz
Ich frage mich:
Wenn ich dich liebe,
liebe ich dich,
weil
ich dich liebe
oder
liebe ich dich,
weil
ich mich liebe.
Wenn
ich dich liebe,
weil
ich mich liebe,
kann das Liebe sein?
Oder
ist Liebe nur,
wenn ich dich liebe
während ich mich verliere?
Lieben und verlieren…
Wenn
du dich verlierst
und
ich mich verliere –
wen lieben wir dann?
Wenn
ich dich nicht finde,
weil du dich nicht hast
und
du mich nicht findest,
weil ich mich nicht habe,
wen liebst du dann?
Kann ich dich lieben,
wenn ich mich nicht habe?
Das Ichliebedich
ohne das Ich ist 
wahllos Liebedich,
Das Ichliebedich
ohne das Dich –
wahllos Ichliebe.
Ich aber will,
ich liebe dich, sagen!
Um dich zu lieben,
will ich erst mich lieben.

2018.


Geschrieben von Aleksandr Puškin,
übersetzt von Ani Menua

Ich liebte Sie
Ich liebte Sie: Die Liebe, könnte sein,
ist noch nicht ganz verglüht in meiner Seel‘,
Doch lassen Sie von ihr sich nicht stören,
betrüben will ich Sie durch nichts.
Ich liebte Sie ganz still, ohne jede Hoffnung,
in Schüchternheit und Eifersucht mich windend.
Ich liebte Sie so ehrlich, ja so zärtlich
und bitte Gott, ein anderer liebe Sie wie ich.

2019.

Я вас любил
Я вас любил: любовь еще, быть может,
В душе моей угасла не совсем;
Но пусть она вас больше не тревожит;
Я не хочу печалить вас ничем.
Я вас любил безмолвно, безнадежно,
То робостью, то ревностью томим;
Я вас любил так искренно, так нежно,
Как дай вам бог любимой быть другим.

1830.


Geschrieben von Aleksandr Blok,
übersetzt von Ani Menua

* * *
O, des Wahnsinns will ich sein:
Seiendes verewigen,
Lebloses vermenschlichen,
Nichterfülltes verwirklichen!

Wenn mich erwürgt der schwere Traum,
wenn ich ersticke in jenem Traum,
Vielleicht wird fröhlich der Jüngling 
einst künftig sagen über mich:

Ihm sei verziehen die Düsterkeit – 
Dessen Geheimkraft war sie nicht.
Er – des Guten, ja des Lichtes Kind,
Er – all der Freiheit Sieg.

2020.


* * *
О, я хочу безумно жить:
Всё сущее – увековечить,
Безличное – вочеловечить,
Несбывшееся – воплотить!

Пусть душит жизни сон тяжелый,
Пусть задыхаюсь в этом сне,-
Быть может, юноша весёлый
В грядущем скажет обо мне:

Простим угрюмство – разве это
Сокрытый двигатель его?
Он весь – дитя добра и света,
Он весь – свободы торжество!

1914.


Geschrieben von Komitas Vardapet,
übersetzt von Ani Menua

Der Weg
Die schmale Gerade kriechend,
Unter dem Fuße zitternd,
Am Ende des Weges erblüht ist
Der Baum des Lebens strahlend.

Über welch ein großes Herz
verfügt der Weg des Geistes…
Menschen, Gewächses, Wildes
und des geflügelten Vogels.

2019.

Ճանապարհ
Բարակ ուղին սողալով,
Ոտի տակին դողալով,
Ճամփի ծայրին բուսել է
Կյանքի ծառը շողալով։

Ի՜նչ լայն սիրտ է, որ ունի
Այս ճանապարհն Անհունի․․․
Մարդու, բույսի, գազանի
Եվ թևավոր թռչունի։


Geschrieben von Hovhannes Tumanian
übersetzt von Ani Menua

* * *
Meine Seele ist Zuhause,
Die Ewigkeit ummauert sie:
Über den Kosmos herrsche ich,
Wer hat es je gemerkt?

2019.

* * *
Հոգիս` տանը հաստատվել,
Տիեզերքն է ողջ պատել.
Տիեզերքի տերն եմ ես,
Ո՞վ է արդյոք նկատել:

1917․